Vista vs. Tiger

Naja, zugegebenermaßen ist das schon ein alter Hut, aber ich vermute, dass sich die wenigsten schon einmal Vista installiert haben. Ich dagegen schon. Um genau zu sein, den Release Candidate, der in einer der letzten iX-Ausgaben mitgeliefert wurde. Eigentlich ist es ja schwachsinn ein System zu installieren, dass man nach einem Monat wieder von der Platte putzen muss, aber da mein XP sowieso schon total im Eimer war, hab ich die Gelegenheit genutzt mir Vista für zwei Wochen anzukucken (bevor ich es aktivieren muss). Natürlich muss sich Vista dabei mit Mac OS 10.4 messen, denn vom Funktionsumfang sind beide jetzt in etwa gleich.

Der erste Eindruck überrascht zugegebenermaßen doch! Windows Vista ist schnell installiert und eigentlich sofort arbeitsfähig. Gerade mit meinem Dell Rechner habe ich sonst eigentlich immer Schwierigkeiten mit den Netzwerktreibern. Treiber aus dem Netz saugen ist dann nämlich leider auch nicht möglich.

Im Umfang inbegriffen ist IE7, MediaPlayer 11, DirectX 10 sowie einge kleine, mehr oder weniger nützliche Tools. Inspiriert wurden sie dabei wohl hauptsächlich von Mac OS Tiger: Calender->Windows-Kalender, iDVD->Windows DVD Maker, iPhoto->Windows-Fotogalerie, und und und…
Sie haben sich dabei nicht einmal die Mühe gemacht, die Programme anders aussehen zu lassen! Überhaupt — und das ist nicht neues — gibt es in Vista eigentlich nichts, was man nicht schon in XP oder Mac OS gesehen hat.

Internet Explorer 7 und Windows Media Player 11

Fullscreen im Media Player (Win) und Quicktime (Mac):
Fullscreenmode im neuen Media PlayerQuicktime im Fullscreen

Die Optik
Im gegensatz zum XP-Design kann sich Vista wirklich sehen lassen. Dieses mal wurde statt knalliger Farben eher mit Schwarz und viel Transparenz gearbeitet. Die Icons erstrahlen dank Vektorgrafiken im neuen Glanz und sehen in jeder Auflösung echt chic aus. Vorraussetzung ist natürlich, dass das installierte Programm auch Vektor-Icons mitliefert. Bitmap-Icons von Nicht-Vista-Programmen sehen dagegen extrem hässlich aus! Dank der neuen Fenster-Engine “AERO” (nein, es hat nichts mit “AQUA” zu tun *g*) werden viele Darstellungsoperationen auf die Grafikkarte verlagert. Damit sind einige nette Effekte möglich, die selbst einen überzeugten Mac-User noch Erstaunen können. Mal abgesehen von der Optik bringt das auch einen ordentlichen Performancezuwachs.

Vorschau

Im Vista kommt die Fensterübersicht im 3D-Look daher. Dafür wird das aktive Fenster nicht optisch hervorgehoben.
Expose in VistaExpose

So, jetzt aber die Realität des Alltags:
Eines fällt einem nämlich erst auf, wenn man Vista mal ein paar Tage wirklich benutzt — es nervt! Zuerst dachte ich ja “Wenn man schon so viel von Apple kopiert, dann kann das Ergebnis ja eigentlich nicht schlecht werden.” Aber dabei habe ich mich getäuscht. Was Mac OS nämlich so stark macht ist nicht die Optik oder die Effekte oder die tollen Funktionen, sondern die Einfachheit.

Keep it simple, stupid!
Ein gutes Beispiel ist der neue Explorer. Der Aufbau wurde unübersehbar am “Finder” angelehnt. Auffällig ist die Sidebar mit Dokumenten, Musik, etc. oder der Suchdialog oben rechts. Aber einige Entwickler von Microsoft dachten wohl: “Hey, da können wir noch mehr unterbringen.” Das Resultat ist unübersichtlicher, als der alte Explorer jemals war.
Noch schlimmer wird es, wenn man was an den Systemeinstellungen ändern will. Die Systemsteuerung ist so unglaublich überladen, dass man erst mal eine viertel Stunde suchen muss, wenn man die Bildschirmauflösung ändern will. Aussagekräftige Icons wären hier wohl besser gewesen, als seitenweise Text!
In Windows ist Usability=Wizards. Von Version zu Version vermehren sich die Dinger wie die Pest. Selbst für solche trivialen Aufgaben wie ein Netzwerklaufwerk zu verbinden muss man mindestens 5 mal einen Weiter-Button klicken, bis man mal auf das Verzeichnis zugreifen kann. Bei XP hat einer gereicht!

ExplorerDer Finder

Die neue SystemsteuerungSystemeinstellungen auf dem Mac

Das neue Startmenü
Das Startmenü wurde nach XP schon wieder überarbeitet. Zwar werden die am meisten genutzen Programme gleich nach dem ersten Klick sichtbar, aber wozu? Um die wichtigsten Programme schnell zur Verfügung zu haben, hab ich Verknüpfungen auf dem Desktop und in der Schnellstart-Leiste! Meiner Meinung nach soll einem das Startmenü die Zugang zu Programmen erleichtern, die ich nicht so häufig brauche. Und was zum Geier haben sich die Microsofties eigentlich dabei gedacht, den “Ausführen”-Dialog hinter drei Untermenüs zu verstecken, aber Spiele auf den ersten Klick verfügbar zu machen? Da kann ich nur sagen: “AAAAAAAAAAAHHHHH!!!!!!”
Und warum geht der Computer in den Standby, wenn ich den Power-Button im Startmenü anklicke? Warum fährt er nicht runter?
Sucht man mal ein Programm, was man nicht so häufig braucht, dann kann man sich auf eine klick-und-scroll Orgie freuen! Gott sei dank kann man das Startmenü wieder in den guten alten Windows 2000 Modus zurückschalten!

Startmenü

Secure by Design…
…ist das Motto von Vista. Das mag vielleicht sein, auch wenn es sich in der Praxis erst noch zeigen muss. Besonders toll finde ich es, dass meine Soundblaster X-Fi Hardwareunterstützung nicht mehr funktioniert, weil Microsoft den Kernel und DirectX überarbeitet hat. Hoffentlich schafft es Vista, Viren genau so gut zu unterdrücken.
Ein neues “Feature” ist die Benutzerkontensteuerung. Ähnlich wie unter Linux oder Mac OS kann man gewisse Tätigkeiten nur noch als Superuser ausführen. Will man als normaler User auf diese Funktionen zugreifen, geht ein Sicherheitsdialog auf. Wo man bei den Unix-Abkömmlingen sein Passwort eingeben muss, reicht hier ein simples “OK”. Wie das die Sicherheit steigern soll, oder dem unerfahrenen User vor unüberlegten Aktionen schützen soll ist mir ein Rätsel. Anstatt diese Dialoge auf einige wenige sicherheitsrelevante Funktionen zu beschränken, poppen die so häufig auf, dass einem bald egal ist, was da steht.

Sicherheitshinweis in VistaPasswort-Dialog auf dem Mac

Und sonst…
Die neue Verzeichnisstruktur wurde weitgehend von Mac OS übernommen. Da werden nämlich die Ordner alle unter englischem Namen abgespeichert. Der Finder übersetzt diese aber automatisch in die entsprechende Systemsprache. So wird aus “/Applications/Utilities/” “/Programme/Dienstprogramme/”.
Genau das wurde in Vista auch gemacht. Also wird es in zukunft nicht mehr einen “Program Files”- und einen “Programme”-Ordner geben, sondern nur noch ersteren und der Explorer übersetzt es auf Deutsch. Die Benutzerprofile sind endlich direkt ins Root-Verzeichnis gewandert. Diese sind jetzt unter “C:\Users\” zu finden. Nur die Unix-Verzeichnisstruktur fehlt noch. Aber vielleicht kann sich Microsoft in der nächsten Windowsversion dazu überwinden.
Auch wenn es vielleicht nebensächliche Neuerungen sind, so waren sie schon lange überfällig. Vor allem gut für Leute wie mich, die gerne dazu neigen, alles auf dem Desktop abzuspeichern ist das ein echter Segen. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass weniger erfahrene User an der neuen Struktur völlig scheitern.

Userverzeichnis unter VistaUserverzeichnis auf dem Mac

Fazit
Windows Vista ist ein schöner Versuch, aber so richtig gelungen ist er nicht. Anstatt das System von unnötigem Ballast zu befreien, wurde nochmal ne Ladung draufgepackt. Wenn man bedenkt, dass schon die günstigste Variante um die €350 kostet, wundert man sich, wer das überhaupt kaufen soll. Tiger kostet gerade knapp über ein drittel davon und ist noch immer das bei weitem bessere System. Ich kann nur jedem raten nicht zu früh auf Vista umzusteigen. Auch wenn es neuer und hübscher als XP ist, besser ist es garantiert nicht!


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Der Beitrag wurde am 15. Dezember 2006 um 00:08 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Allgemein, Apple, Mac, Microsoft gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.